In Coachings, in Gesprächen, im privaten Umfeld und zunehmend auch im gesellschaftlichen Diskurs zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Wenn Probleme auftreten, suchen Menschen häufig – auch unbewusst – nach Schuld.
Dieses Verhalten folgt erlernten Mustern, die oft tief in den Herkunftsfamilien verankert sind. Schuldzuweisung gehört dort nicht selten zur vertrauten Ordnung von Konflikten. Eigene Kraft, eigener Einfluss und die Möglichkeit von Veränderung bleiben dabei häufig außerhalb des Bewusstseins.
Sobald Herausforderungen entstehen, richtet sich der Blick häufig nach außen. Die Aufmerksamkeit wandert weg vom eigenen Einflussbereich und hin zu anderen Personen.
In Gesprächen tauchen immer wieder dieselben Zuschreibungen auf:
Mein Mann, meine Frau sei schuld.
Meine Eltern, meine Schwiegereltern seien schuld.
Der Chef, die Chefin sei schuld.
Der Kollege, die Kollegin sei schuld.
Die Firma sei schuld.
Die Politik sei schuld.
Die Gesellschaft sei schuld.
Trump sei schuld.
Putin sei schuld.
Diese Zuschreibungen wirken zunächst entlastend. Sie schaffen eine vermeintliche Ordnung in einer komplexen Situation und geben dem inneren Chaos eine vermeintliche Richtung.
Doch gleichzeitig geht dabei etwas ganz Entscheidendes verloren: die eigene Gestaltung, Einfluss und Handlungsspielraum.
Wer anderen im Außen die Schuld gibt, verliert seine Kraft und seine Entwicklungsmöglichkeit, weil die Auseinandersetzung mit dem eigenen Thema ausbleibt.
Wer Schuld verteilt, begibt sich selbst in eine Sackgasse.
Warum Schuldzuweisungen keine Lösungen sind
Probleme können sich durch einen Perspektivwechsel verändern, aus dem neue Entscheidungen und Lösungen entstehen können.
Bleibt der Blick auf Schuld gerichtet, bleibt auch der Handlungsspielraum unverändert. Situationen ähneln sich, Beteiligte wechseln, die innere Dynamik bleibt bestehen.
Ein sehr gutes Beispiel dafür ist das Drama-Dreieck. Rollen wechseln, Konflikte bleiben. Verantwortung wandert, Lösungen entstehen nicht.
Verantwortung – ein Perspektivwechsel
Wer Verantwortung übernimmt, richtet den Fokus auf Zusammenhänge, auf Ursachen und auf Entscheidungsmöglichkeiten. Die Frage, wer schuld ist, verliert an Bedeutung. An ihre Stelle tritt die Frage, was jetzt getan werden kann.
Dieser Perspektivwechsel eröffnet Handlungsspielraum. Entscheidungen werden möglich. Entwicklung entsteht.
Verantwortung bedeutet eine andere Wahrnehmung. Situationen werden hinterfragt und besser verstanden. Eigene Anteile werden erkannt. Daraus entstehen Klarheit, Prioritäten und konkrete Schritte.
Verantwortung steht für Gestaltung. Für Einfluss. Für Selbstführung.
Eine prägende Erfahrung
Eine schwer erkrankte Klientin war überzeugt, ihr Ex-Mann trage die Verantwortung für ihren Zustand. Diese Deutung begleitete sie über Jahre.
Unsere Gespräche kreisten um Schuld, Verantwortung und Lebensentscheidungen. Verantwortung hätte bedeutet, die eigene Geschichte als Teil des eigenen Lebens anzuerkennen und neu einzuordnen.
Kurz vor ihrem Tod sagte sie mir, sie hätte sich viel früher mit diesen Fragen beschäftigen sollen.
Gesundheit als Ausdruck von Balance
Gesundheit zeigt sich als Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele.
Innere Anspannung, ungelöste Konflikte und dauerhafter Stress wirken sich auf den Körper aus. Der Körper reagiert auf Lebensumstände, Beziehungen, Entscheidungen und sendet Signale wie Verspannungen, Schmerzen, innere Unruhe, Angst, gestörten Schlaf, gestörtes Essverhalten und gestörtem Alkoholkonsum.
Diese Signale wahrzunehmen und als Hinweise zu verstehen, ist der erste Schritt und zugleich entscheidende Schritt in die Verantwortung. Wahrnehmung allein verändert jedoch noch nichts.
Ich beobachte, dass viele Menschen diese Signale zwar erkennen, sie jedoch ignorieren, überdecken oder versuchen, sie durch Medikamente zu beruhigen. An die Ursachen trauen sich die wenigsten heran. Auch weite Teile der Medizin konzentriert sich häufig auf Symptombehandlung. Gerade deshalb ist an dieser Stelle Eigenverantwortung in besonderem Maß gefragt.
Verantwortung ist Freiheit
Verantwortung stärkt Selbstführung. Sie schafft Klarheit und eröffnet Handlungsspielraum.
Verantwortung entsteht nicht abstrakt. Sie beginnt mit einer inneren Bewegung.
Der erste Schritt, Verantwortung zu übernehmen, ist die Bereitschaft, sich selbst zu befragen.
• Wo liegt mein eigener Anteil an dieser Situation?
• Was habe ich dazu beigetragen – bewusst oder unbewusst?
• Was habe ich übersehen, vermieden oder abgegeben?
Diese Fragen verändern den Blick. Sie holen Gestaltung zurück in den eigenen Einflussraum. Verantwortung wird dort lebendig, wo die eigene Beteiligung erkannt wird.
Verantwortung ist eine Entscheidung. Genau darin liegt ihre Freiheit.
Herzlichst, Kathrin Woerner